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Marseille – Exkursion zur Europäischen Kulturhauptstadt 2013

30. September 2013 @ 11:15 - 13:15

‚Marseille ist das Tor zur Welt, Marseille ist die Schwelle der Völker. Marseille ist Okzident und Orient…‘ (Joseph Roth 1925)

Marseille, Europas Kulturhauptstadt 2013, ist eine pulsierende Mittelmeer-Metropole mit einer multikulturellen Bevölkerung. Über 90 % der Bevölkerung besitzt die französische Staatsbürgerschaft, aber viele der knapp 900.000 Marseiller haben algerische, italienische, chinesische, marokkanische oder senegalesische Wurzeln. Der in Marseille geborene Fußballspieler Zinédine Zidane zum Beispiel, ist Sohn algerischer Einwanderer.
Schon die Gründungslegende ist eine Migrationsgeschichte. Der Legende nach wurde die zweitgrößte und älteste Stadt Frankreichs vor 2600 Jahre als Brautgabe an die ligurische Königstochter Gyptis gegründet. Diese erwählte sich ausgerechnet einen Mann, der just aus dem kleinasiatischen Phokaia (heute Foça – nahe dem heutigen Izmir) angesegelt kam. Vor allen versammelten gallischen Adligen erwählte sie den griechischen Ankömmling Protis. In einer griechischen Version der Geschichte wird er umgetauft auf Euxenos, der „gute Fremde“, Gyptis wird gar zu Aristoxene, der „allerbeste Fremde“.
Die Legende spiegelt die Wirklichkeit: Bis heute nimmt die Hafenstadt immer wieder Fremde auf und bildet einen Schmelztiegel der Nationen.
Die Hafenstadt zog über die Jahrhunderte Einwanderer und Flüchtlinge an: verarmte italienische Landbevölkerung in der Mitte des 19. Jahrhunderts, später Polen, Griechen, Russen, Armenier, Türken und Spanier. Die nächste große Einwanderungswelle kam aus Nordafrika. Maghrebiner aus den ehemaligen Kolonien Frankreichs. Allein im Sommer 1962 gingen in Marseille über eine halbe Million Menschen von Bord: Algerier, Marokkaner und Tunesier auf der Suche nach Arbeit oder auf der Flucht vor dem Krieg, den Frankreich in Algerien führte. Es waren aber auch Flüchtlinge mit europäischer Herkunft, die sich einst in den französischen Kolonien niedergelassen hatten. Für viele blieb Marseille nur Durchgangsort. Dennoch wuchs die Einwohnerzahl rapide an.
Die Tradition der Multinationalität ist bis heute ungebrochen. Marseille wurde unter anderem deshalb zur Europäischen Kulturhauptstadt 2013 erwählt, weil man die Verbindungslinien rund ums Mittelmeer stärken will.
Exkursionsgruppe aus der Metropolregion Rhein-Neckar
14 Künstlerinnen, Kulturvermittler und -freunde , Mitglieder der Regionalgruppe Rhein-Neckar der Kulturpolitischen Gesellschaft und des Kultur Rhein-Neckar e.V. aus Dannstadt, Heidelberg, Ludwigshafen, Mainz, Mannheim und Ludwigshafen nahmen an der Exkursion zur Kulturhauptstadt Marseille Provence 2013 vom 25. -29. September 2013 teil.
Ulrich Fuchs, Directeur Général Adjoint von Marseille-Provence 2013empfing die Gruppe im Maison Diamantée zu einem Hintergrundgespräch. Der Norddeutsche bezeichnete sich schon mal selbst als „Fossil der Kulturhauptstadtbewegung“. Er war fünf Jahre für die Kulturhauptstadt Linz tätig, hat die Bremer Bewerbung vorbereitet und ist in Marseille als Co-Direktor von Marseille-Provence 2013 zuständig für das kulturelle Programm.
Sein vorläufiges Resümee zum Kulturhauptstadtjahr Marseille-Provence 2013 ist positiv.
Dimension
Kaum eine Metropole wurde im Hinblick auf ihren Titel als Europäische Kulturhauptstadt so radikal umgebaut wie Marseille. Durch die Bauvorhaben der letzten Jahre wurde Marseille völlig umgekrempelt, ganze Stadtteile umgestaltet, Infrastruktur verlagert, der Zugang zum Mittelmeer freigelegt und das ehemalige Verkehrschaos am Alten Hafen von dem Starchitekten Normen Foster zur Flaniermeile umgestaltet. Das urbane Umgestaltungsprojekt, die Investition in Marseille ist in der Geschichte der Kulturhauptstädte ein Superlativ. Die baulichen Investitionen wie das MuCEM, die Villa Méditerranée, Friche de La-belle-de-Mai, FRAC oder die Renovierung der städtischen Museen werden von den öffentlich-rechtlichen Körperschaften finanziert: Französischer Staat, Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, Departement des Bouches-du-Rhônes sowie von allen am Projekt beteiligten Städten. Die Ausgaben der öffentlichen Hand für die kulturelle Infrastruktur betragen insgesamt ca. 680 Millionen Euro.
Diese enorme Summe von 680 Millionen Euro die bis Ende 2013 in die kulturelle Infrastruktur investiert werden ist auch ein Hinweis auf den hohen Nachholbedarf der Stadt Marseille.
Der Verein Marseille-Provence 2013 finanziert mit seinem Budget keine (städte-) baulichen Maßnahmen in die kulturelle Infrastruktur.
• Das nicht-investive Gesamtbudget von Marseille-Provence 2013 umfasst für den Zeitrahmen 2009- 2013 neunzig Millionen Euro.
• 18 Millionen Euro werden für Personal- und Betriebskosten des Vereins Marseille-Provence 2013 gebraucht, weitere 10 Millionen Euro betragen die Kosten für Marketing und Kommunikation.
• Für Produktions- und Koproduktionskosten von kulturellen Veranstaltungen im Kulturhauptstadtjahr sowie bereits im Vorfeld werden 62 Millionen Euro ausgegeben. Die Vielzahl der Kulturhauptstadtprojekte werden sehr unterschiedlich finanziert: 400 Projekte tragen das Label « MP2013 » und sind damit Teil des offiziellen Programms, jedoch ohne finanzielle Beteiligung von MP2013. 525 Projekte des Programms werden in Zusammenarbeit mit Projektpartnern produziert. Die finanzielle Beteiligung von Marseille-Provence 2013 variiert je nach Projekt / Veranstaltung zwischen 3.000.- und 800.000.- €. 6 Projekte werden zu 100 von Marseille-Provence 2013 selbst produziert.

Unterstützer von MARSEILLE-PROVENCE 2013 CAPITALE EUROPEENNE OE LA CULTURE –
• 13 Städte, Städteverbände und öffentlich-rechtlichen Körperschaften
(Region PACA (14), Departement des Bouches du Rhône (14), Ville de Marseille (16), Communauté urbaine Marseille-Provence-Mediterranee (10), Ville d’Aix-en-Provence (9), Communauté du Pays d’Aix, Ville d’Arles, Communauté Arles-Crau-Camargue- Montagnette, Communauté du Pays d’Aubagne et de l’Etoile, Ville de Salon-de-Provence, Communauté du Pays de Martigues, Ville d’lstres.
• 11 Ministerien des französischen Staats
• der Europäischen Kommission durch den Melina Mercouri-Preis, Regionale Strukturfonds und das Programm Leonardo da Vinci
5 Hauptsponsoren: La Poste, La Societé Marseillaise de Credit, Orange, Eurocopter und EDF – mit jeweils 1,5 Millionen Euro – und 195 weitere Unternehmen mit einer Gesamtsumme von 15 Millionen Euro.
Regionaler Aspekt
Der Bewerbung einer Region begegne die EU, so stellte Ulrich Fuchs dar, aus guten Gründen mit einiger Skepsis. Tatsächlich ähnelt sich die Unterschiedlichkeit von Städte wie Marseille und Aix en Provence z.B. der von Mannheim und Heidelberg. Das Beharren auf dem spezifischen Charakter nur mit Kirchturmdenken abtun zu wollen, greift zu kurz. Ist es nicht gerade die Unterschiedlichkeit, die Europas Städte so interessant und attraktiv macht? Sie nicht aufs Spiel zu setzen sondern ins Spiel zu bringen und gleichzeitig die Vorteile gemeinsamer Planung und Aktion zu entwickeln und zu kommunizieren, ist eine Kunst, die in einem Kulturhauptstadtprozesse in der Bewerbung und Realisation gelingen muss.
Zwischen den unterschiedlichen Teilnehmerstädten von Marseille-Provence 2013 ist ein Zusammenspiel historisch eher ungewöhnlich, zwischen Aix und Marseille gibt es soziohistorisch Spannungen. Über den eigenen Tellerrand hinausblicken und mit anderen gemeinsam Metropolentwicklung zu betreiben ist, fällt einzelnen Bürgermeistern schwer, die Regierung hat aber eine massives Interesse daran – auch unabhängig vom Projekt Kulturhauptstadt.
Wenn eine Region wie Marseille und Provence es schafft, im Zuge des Prozesses eine Vereinheitlichung und Abstimmung des öffentlichen regionalen Nahverkehrs zu erreichen, wird das Potential der Bewerbung als Stadtentwicklungsprojekt auch für Kulturferne erfahrbar. Auch die verkehrsberuhigte Hafenzone, in der man Straßentheater genießen, gemütlich den Apero einnehmen kann, gewinnt eine breite Öffentlichkeit für das Projekt.
Selbst-Verständnis
Fuchs unterstrich, dass nach einer erfolgreichen Bewerbung der Ärger so richtig losgehe: Typisch für Kulturhauptstädte sei es, dass viele Künstler und Kulturaktive unzufrieden seien, die lokalen Künstler seien nie zufrieden mit dem Maß, in dem sie in das Projekt miteinbezogen würden. Auch in Marseille musste man den lokalen Milieus klarmachen, dass man nicht ‚Capitale Provencale de la Culture‘ ist und auch nicht ‚Capitale Française de la Culture‘, sondern ‚Capitale Européenne‘, in Marseille sogar ‚Capitale Euroméditerranéenne de la Culture‘ sei.
Viele Enttäuschungen sind zu erwarten -von alle denen, die sich beteiligen wollen und deren Projekte nicht gefördert werden. Neutrale Juroren und Kuratoren von außen zu verpflichten ist von daher nahezu unabdingbar.
Neben der Kritik, dass die freie Szene vor Ort nicht genug beteiligt werde (zu wenig Förderung erhalte), ist ein weiterer häufiger Kritikpunkt in Marseille (aber auch anderswo) der Vorwurf, dass benachteiligte, „strukturschwache“ ärmerer Stadtteile zu wenig am Kulturhauptstadtfeuerwerk beteiligt werden.
Mit einer bunten Parade im Norden wurde das Europäische Kulturjahr in Marseille eröffnet.
In den ‚quartiers nord‘ wohnt ca. 1/3 der Bevölkerung. Für die 280.000 Bewohner gibt es ein einziges Kino, ein großes Theater, zwei Bibliotheken, soziokulturelle Zentren gibt es nur wenige. Dennoch sind nur drei der insgesamt 52 Großbaustellen im Norden, vom offiziellen Programm findet hier weniger al 5 Prozent statt.
Ulrich Fuchsbetont, dass im Rahmen des Kulturjahrs nicht alle Mängel der städtischen Sozial-, Kultur- und Transportpolitik gelöst werden könnte.
Inwieweit das Kulturhauptstadtprojekt Gentrifizierungsprozesse verstärkt, ist auch Thema einer kritischen Gruppe, die sich in der Stadt konstituiert hat. „Marseille 2013 Off‘ versucht ein ‚Off‘ zu organisieren für die, die bei diesem Programm zu kurz kommen. Alain Arnaudet, Directeur der ‚Friche de la Belle-de-Mai‘ stellt uns das 45000 qm große Kulturzentrum im Stadtteil al Belle de Mai vor, einem der ärmsten Stadteile Marseilles und Frankreichs. Beeindruckend, wie hier NGOs, Kulturschaffende und Bürger bereits seit 1992 Projekte entwickeln. Von der Stadtspitze gezielt befördert, entstanden in der ehemalige Tabakfabrik und auf dem umliegenden Gelände zwei Theater, ein Ausstellungsgebäude, Ateliers, Kindergarten, Skatepark, ein urban gardening-Projekt, Gastronomie u.v.m. Die 400 Arbeitsplätze der Tabakfabrik wurden durch die gleiche Zahl neuer Stellen im Kulturbetrieb ersetzt. Allerdings, meint der Direktor, sei die Zukunft ungewiss. Inwieweit nach 2013 weiter Mittel für die Friche bereitgestellt werden, ist (Anfang Oktober 2013) ungewiss.

Themen
Die Vergabe des Titels Europäische Kulturhauptstadt ist an eine Reihe von Voraussetzungen geknüpft. So soll das Gesamtkonzept kulturelle Themen mit europäischer Dimension beinhalten, den Dialogs zwischen den europäischen Völkern und denen anderer Ländern fördern und das historische Erbe schützen.
Ein wichtiger Themenstrang des Kulturhauptstadtprogramms von Marseille 2013 heißt ‚Méditerrannée‘ und setzt sich mit der gemeinsamen Vergangenheit des Mittelmeerraumes auseinander. Die historischen Beziehungen zwischen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und dem nordafrikanischen Kontinent sind ein wichtiges Thema.
Das neue Museum MuCem liegt direkt am Alten Hafen. Rudy Ricciottis Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée ist ein architektonisches Highlight und das erste große nationale Museum Frankreichs außerhalb von Paris. Das Museum für europäische und mittelmeerische Kulturen ist kein Kunstmuseum, sondern hat einen sozial-anthropologischen, ethnografischen Ansatz. Der künstlerische Leiter, Thierry Fabre, ehemaliger Direktor des Institut du Monde Arabe in Paris hat das MuCem mit einer Ausstellung über die dunklen vierziger Jahre eröffnet, in denen Marseille in anderem Sinn Kulturhauptstadt Europas war: für viele Intellektuelle und Künstler war in jenen Jahren, als Marseille der (letzte) Fluchtpunkt vor den Nazis aus Europa, für manche auch das letzte Asyl.
Auch die Auseinandersetzung mit den Beziehungen von Europa und dem Maghreb ist kein helles Geschichtskapitel. In manchen Ausstellungsräumen weinen Menschen. Trauer, Wut und Scham angesichts einer europäischen Flüchtlingspolitik, die selbst den Tod von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer in Kauf nimmt.
Abschluss
Am letzten Tag unserer Marseille-Erkundung führt uns die Kunsthistorikerin Regine Löwe vom alten Hafen ins Panier und stellt uns den urbanen Raum als historisch und sozial gewachsenes Gebilde vor. Die gebürtige Heidelbergerin lebt seit über dreißig Jahren im Süden Frankreichs und ist eine excellente Kennerin der Kunst-Geschichte der Region. Am Quai du Port entstanden in den 19sechziger und siebziger Jahren – heute denkmalgeschützte- fünfstöckige Neubauten. Das eigentliche Hafenviertel, das vorher dort war, ein verzweigtes Netz aus Wohnhäusern aus dem 17. Jahrhundert, wurde im November 1942 von den Deutschen geräumt. In den vielen engen Gassen sahen sie ein Unsicherheitsfaktor sowie einen „Hort“ der Résistance. Im Januar 1943 begannen deutsche Truppen nach der sogenannten „Évacuation“ (und Verschleppung in Lager) von fast 27.000 Einwohnern mit der Sprengung des Hafenviertels.
Im „Panier“, dem Ort der ersten Besiedelung Marseilles ist heute noch der verhältnismäßig unberührte alte Kern Marseilles. Auf dem Place des Moulins standen seit der Frühzeit die Windmühlen der Stadt. Wir rasten und kosten Panisse, eine ursprünglich ligurische Spezialität aus Kichererbsenmehl. Marseille beansprucht alle Wahrnehmung: Mit dem Boot durchs stürmische Meer zu den Calanques, mit dem Fahrrad zu nahen Stränden, verblüfft vor kühner Architektur, exotischen Gerüchen beim Spaziergang durch den orientalischen Markt folgend, staunend vor der Artistik der Tänzerinnen auf der pompösen Treppe am Gare Saint Charles … Am ersten Tag haben wir bei „La Bonne Mère“, wie Notre-Dame de la Garde im Volksmund genannt wird, den spektakulären Blick über die Stadt und ein aromatisches CousCous bei den Nonnen dort genossen. Am letzten Abend essen wir am quicklebendigen Cours Julien beim Libanesen und tanzen mit der Menge zur Musik einer Ska-Band.
Am nächsten Morgen bringt uns der der Schnellzug TGV zurück nach Rhein-Neckar.

‚Ich bin sicher, dass Marseille die schönste Stadt Frankreichs ist. Sie ist so anders!‘ Arthur Schopenhauer

Details

Datum:
30. September 2013
Zeit:
11:15 - 13:15
Veranstaltungskategorien:
, , ,

Veranstalter

Kultur Rhein Neckar e. V.
Telefon:
0621567266
E-Mail:
info@kulturrheinneckar.de
Veranstalter-Website anzeigen

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Datum:
30. September 2013
Zeit:
11:15 - 13:15
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Kultur Rhein Neckar e. V.
Telefon:
0621567266
E-Mail:
info@kulturrheinneckar.de
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