Stadtspaziergang nach Chtoura

Februar 2018
Chtoura, Libanon

Mit dem Projekt Stadt-Spaziergang Ende 2015 haben Freiwillige in Ludwigshafen Flüchtlinge angesprochen, die in einer Notunterkunft mitten in der Stadt in großen Zelten untergebracht waren. Die Stadt-Spaziergänge halfen den Neu-Angekommenen, sich besser in Ludwigshafen zurecht zu finden. Gemeinsam mit Flüchtlingen wurde die Stadt entdeckt, auch für die deutschen Spaziergänger gab es Neues zu entdecken: die Bücherei, das Stadtmuseum, das Haus der Medienbildung, die Cafeteria der Hochschule, das Rathaus, ein Meditationszentrum, eine Bäckerei und andere Orte. Alle Spaziergänger erfuhren dabei auch mehr übereinander. „Ich habe mich der Spaziergangsgruppe angeschlossen, weil mich die Meldungen über die große Zahl der ankommenden Flüchtlinge beunruhigt und besorgt haben. Dagegen wollte ich etwas tun! Nach drei Spaziergängen bin ich völlig verblüfft: Die Begegnungen mit den jungen Geflüchteten sind ein Geschenk und es ist wunderbar, solche Erlebnisse zu teilen.“ (so M. F., Bankerin und Spaziergängerin). Das Wichtigste bei den Spaziergängen war es, einige gute Stunden zusammen zu erleben. Beim Besuch einer Kirche überraschte schon mal das spontane Spiel eines Flüchtlings an der Orgel. Sehr bald organisierten die Flüchtlinge mit und das Angebot „für“ wurde zum Projekt „mit“ Flüchtlingen.
Mehr als hundert Spaziergänge wurden von Kultur-Rhein-Neckar e.V. (KRN) zusammen mit der Hochschule Ludwigshafen am Rhein mit Geflohenen und engagierten Bürger*innen durchgeführt. Mit der Auflösung der Notunterkunft endeten diese Spaziergänge, es verschoben sich die Interessen und Zusammenhänge, neue Gruppen formierten sich bzw. Gruppenbildungen im Zelt lösten sich auf.
Auf Initiative einer Gruppe Stadtspaziergänger aus Syrien entwickelte sich die Idee, eine Flüchtlingsinitiative in Chtoura in der Bekaa-Ebene zu unterstützen. Freunde der Syrer, die es nach Deutschland geschafft hatten, hatten mit dem GHARSA-Projekt auf die Notlage in den Flüchtlingscamps dort reagiert. Viele Flüchtlingskinder dort haben keinen Zugang zu Schulbildung. Es fehlt an den finanziellen Mittel für den Schulbesuch. Schon allein das Geld für den Schulbus kann von den Flüchtlingsfamilien oft nicht bezahlt werden. Der Schulbesuch in den libanesischen Schulen scheitert aber auch an den vorausgesetzten Sprachkenntnissen. Im Libanon werden die wichtigsten Fächer in englischer oder französischer Sprache unterrichtet – diese Voraussetzung haben die syrischen Kinder nicht. Das Team GHARSA versucht, hier zu helfen. GHARSA heißt auf Deutsch: Setzling, Sprössling, ein junge Pflanze. Die engagierten Pädagogen verstehen sich als diejenige, die dieser Pflanze beim Wachsen helfen. Ihre Pädagogik orientiert sich am Recht der Kinder auf Bildung und Frieden. Der Ansatz ist ganzheitlich, Elternarbeit ist hier wichtig. Informationen zu Kinderrechten, Aufklärung über das Elend von Kinderehen und Gesundheitserziehung gehören genauso wie digitale Bildung zum Angebot von GHARSA. Das informelle Projekt wurde seit seiner Gründung 2013 von women-now, trocair, carfoursowie kids for kids unterstützt. Insbesondere women-now ist dabei besonders an der Förderung von Frauen interessiert.
Die Ludwigshafener Gruppe begann im Sommer 2016 mit der Herstellung von Teelicht-Laternen, die (mit mäßigem Erfolg) verkauft wurden, um Geld zu sammeln. Ein Benefizkonzert, das im April 2017 organisiert wurde, war schon erfolgreicher. Immerhin konnte Geld für den Schulbus mit Dolly El Ghandour in den Libanon geschickt werden. Im Herbst übernahm die ehemalige Stadt-Spazierganggruppe das Catering bei einer Ausstellungseröffnung im Ludwigshafener Kunstverein; beim Projekt Südpolis (siehe ?) wurde weiter für das Jahresgehalt für eine Lehrerin gesammelt. Ola Algunde, die Gründerin des Projektes GHARSA, kam Ende 2017 nach Ludwigshafen und berichtete über das Selbsthilfeprojekt im Libanon. Im Februar 2018 überbrachte Eleonore Hefner die Gehaltsspende und besuchte das Projekt in Chtoura. Auch wenn die Lage in GHARSA schwierig ist – u.a. wird die Arbeit der Lehrer*innen vom libanesischen Staat nur als „Freiwilligenarbeit“ geduldet, die nötigen Mittel sind derzeit nur bis April gesichert – ist der Mut und die Hoffnung, die im Projekt herrschen, beeindruckend. „Hier setzen wir unsere Revolution fort. Die Hoffnung des arabischen Frühlings auf Freiheit und Menschenrechte lebt hier - jeden Tag!“ - davon sind die Pädagog*innen in GHARSA überzeugt und davon singen die 6jährigen und rappen die älteren Teenager. Im Land mit einer großen levantinischen Vergangenheit und einer ungeheuer schwierigen Gegenwart stellt sich die Frage nach Friedensarbeit dramatisch. Oben in der Bekaa-Ebene geht es ums Überleben und kleine Hoffnungs-Pflänzchen.
Downtown in Beirut wächst der Reichtum. Die Tasse Kaffee ist teurer als in der teuren Schweiz. Es sind nur wenige Meter zwischen dem teuren Uhrenladen in den Souks und dem Flüchtlingskind, das allein auf der Straße schläft. Krasse Kontraste.

Es sind die Künstler, die sich den Fragen stellen. Im "Bait Al-Madina" (Haus der Stadt) haben libanesische und syrische Künstler, Musiker und bildende Künstler zu Texten von Flüchtlingskindern gezeichnet, gemalt und komponiert. Das sogenannte gelbe Haus, ein geschichtsträchtiger Jugendstilbau, ein architektonisches Kulturdenkmal der Stadt und Denkmal des libanesischen Bürgerkrieg, wird die Geschichte der syrischen Kinder im Krieg spürbar. Das Haus, dem man seine Schusswunden aus den Kriegen der letzten Jahrzehnte bewusst gelassen hat, ist der Platz in Beirut, an dem gezeigt wird, was Krieg für die Kinder bedeutet. Art can safe you? Sicher nicht. Kunst vermag Unfassbares in Worte, Zeichnungen und Musik fassen, das Ungeheuerliche ausdrücken. In der Ebene Richtung Syrien wird mit GHARSA ein Friedensprojekt realisiert. An der Schulwand steht „One day we will be what we want“. Ohne internationale Solidarität wird es keinen Frieden und keine Zukunft geben. Für die Kinder in GHARSA nicht – und nirgendwo.

KRN sammelt weiter Spenden für das Projekt GHARSA