Lyriktelefon im Frühling

Ein lokales Bündnis für Kunst und Kultur in der Krise

Nach Vereinbarung

Das Lyriktelefon realisieren wir als Teil unserer AKTION FÜR DIE KUNST. 2020 im April hatte KRN zusammen mit vielen Einzelnen EIN LOKALES BÜNDNIS FÜR DIE KUNST geschlossen und Spenden gesammelt. Im ersten Lock-Down haben wir mit Schaufenster-und Balkonkonzerten begonnen. Kunstfreund*innen und Mitglieder von Kultur Rhein Neckar e.V. (KRN), Künstler*innen und Kunstschaffende wollen mit FÜR DIE KUNST einen Beitrag zur Unterstützung von Künstler*innen in der Pandemie leisten wollen. Wir unterstützen Künstler*innen, die wir aus den 25 Jahren unserer Vereinsarbeit kennen, indem wir ihnen eine (pandemiegerechte) Verdienstmöglichkeit bieten. Dafür sammel wir Spenden.
Beim Lyriktelefon lesen Schaupielerinnnen aus der Rhein-Neckar-Region Gedichte und Texte von Frauen:

Bettina Franke liest Rosa Luxemburg
Anja Kleinhans Giannina Wedde
Bärbel Maier liest Hilde Domin
Natice Orhan-Daibel liest Annette Humpe
Eva Martin-Schneider liest Mascha Kaléko
Monika-Margret Steger liest Meret Oppenheim

Es können persönliche Termine vereinbart werden! Die Schaupielerin Ihrer Wahl wird zum gewählten Termin Wahl anrufen, ein Gedicht vortragen und die Autorin vorstellen, die sie ausgewählt hat.

Interessenten schreiben Ihren Wunschtermin, Ihre Mail-Adresse und Ihre Telefonnummer an info [at] kulturrheinneckar.de.
Die Termine werden nach Eingang vergeben.

Jeder Anruf kann bis zu 20 Minuten gehen.
Siehe auch www.kulturrheinneckar.de

Anja Kleinhans (www.theader.de):
Die Pfälzerin Anja Kleinhans, 1976 in Speyer geboren, ist in Berlin ausgebildete Schauspielerin mit diversen Theaterstationen an großen und kleinen Bühnen der Republik und seit 2007 Leiterin des eigenen „kleinsten professionellen Theaters der Welt“, dem TheaderFreinsheim im Casinoturm der mittelalterlichen Stadtmauer des Weinortes Freinsheim. Hier, in der manchmal fast zu schönen Provinz, kreiert sie einen kunterbunten Strauß von stets berührender und bewegender/zur inneren Bewegung anregender Bühnenkunst für vor allem ein Publikum fern der typischen, eher urban anzutreffenden Theatergänger und Kunstgenießer - um, wie die Kunst es eben kann, Lichter der Menschlichkeit zu entfachen, an denen jeder sich neu entzünden darf.
Anja Kleinhans liest Giannina Wedde (klanggebet.de)
„Die 1974 geborene, in Berlin lebende Geisteswissenschaftlerin, Mystikerin sowie grenzgängerische Lyrikerin Giannina Wedde bietet mit ihren vielfältigen Sprach- und Gesangskünsten wunderbar ermutigende und vertrauensbildende Wegbegleitung für alle Grenzgänger im Leben.Giannina Weddes Sprache ist für mich wie ein Klang, der mich tief berührt und mir unsren Frieden zeigt im Leben. Ihr Gedicht „Nachtgebet“ beginnt mit der Zeile „Leg Deine Ängste nieder“. Diese gleichzeitig sanfte und doch klare Aufforderung trifft meiner Meinung nach generell den Puls unseres „modernen“ Menschseins und im Besonderen den unserer jetzigen pandemie-geprägten Gesellschaft, führt zur Ruhe und schafft damit die Grundlage für jeden mutigen Neubeginn.“

Bärbel Maier
1963 in Ludwigshafen geboren und dort aufgewachsen. Absolvierte die Theaterausbildung am Institut für Ange­wandte Theaterwissenschaft in Gießen und studierte dort bei George Tabori, Heiner Müller, Hans Thieß-Lehmann und Adolf Dresen. Diplomabschluß 1989. 1989 gründete sie mit Peer Damminger, René Pollesch und anderen Absolventen der Universität das Theater Montage in Frankenthal/Pfalz. 1995 war sie Begründerin der KiTZ Theaterkumpanei Ludwigshafen/Rhein, für das sie als Autorin, Regisseurin und Schauspielerin arbeitet.
Engagements am Theater am Turm, Frankfurt und am Nationaltheater Mannheim / SCHNAWWL.
Mitwirkung als Schauspielerin in zwei Produktionen des ZDF - Das kleine Fernsehspiel.
Zahlreiche Auszeichnungen (z.B. 1996: Stiftungspreis zur Förderung der Kunst in der Pfalz für besondere Leistungen im Bereich Theater; 2001: Paul-Maar-Stipendium; 2004: Theaterpreis Heidelberg für „Nepal“ (Regie); 2007: Theaterpreis 14. Isfahan International Festival for Children and Young Adults im Iran für „Albin und Lila“ (Regie und Schauspiel); 2008: „Kindertheater des Monats“ in NRW mit „Albin und Lila“ (Regie und Schauspiel); 2009: Theaterpreis 16. Isfahan International Festival for Children and Young Adults im Iran, für „Doktor Auwieweh“); 2010: Theaterpreis 17. Hamedan International Festival for Children and Young Adults im Iran, für „Sultan und Kotzbrocken“ für „Bestes Stück“
Bärbel Maier liest Hilde Domin
Hilde Domin wurde 1909 in Köln als Hilde Löwenstein und starb 2006 in Heidelberg. Das Werk der Autorin, Dichterin und Essayistin umfasst vor allem lyrische Texte, aber auch einige Erzählungen sowie einen Roman Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Lyrik, die von ihrer jahrelangen Erfahrungen im Exil geprägt ist. Hilde Domin musste vor den Nazis fliehen und hielt sich für über 20 Jahre in anderen Ländern auf, u.a. in Italien, Frankreich, Spanien, Kanada sowie die Dominikanische Republik, aus der sich der selbstgewählten Nachname Domin ableitet. Die Autorin erhielt für ihre Werke zahlreiche Ehrungen sowie Würdigungen und wurde unter anderem mit der Carl-Zuckmayer-Medaille, dem Nelly-Sachs-Preis sowie dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

„Sehe ich Bilder von Hilde Domin, begegne ich einer Frau, die mich kennt und die ich, obwohl ich ihr nie begegnet bin, zu kennen scheine. Gütig, klug, lebendig, verletzlich und stark in einem sehe ich einen Menschen, den ich bewundere. Spät fand Hilde Domin zum Schreiben. Sie floh aus Deutschland und kehrte zurück, lebte nicht weit von hier - in Heidelberg - als eine der berühmtesten deutschen Lyrikerinnen jüdischer Herkunft. Ihre Dichtkunst ist von Fluchterfahrung geprägt, die Sprache ist ihre stetige Heimat. Immer wieder kehrte ich im Lauf der Jahre - sei es in Momenten der Schwäche oder der Freude gewesen - zu ihren Gedichten zurück, hielt mich darin auf und mochte eine Weile dort bleiben.“
Bärbel Maier liest aus „Nur eine Rose als Stütze.“

Natice Orhan-Daibel
wurde als Kind von türkischen Gastarbeitern 1971 in Mannheim geboren. Schon in ihrer Schulzeit hat sie sich gerne in kreativen Projekten und AG's beteiligt, die mit Musik,Tanz, Theater und Kunst zu tun hatten. Mit 10 Jahren schrieb sie ihr erstes Theaterstück für die Klasse, spielte mit und führte auch Regie. Im Laufe ihrer Schulzeit hat sie noch mehrere Theaterstücke mit Schulklassen inszeniert und aufgeführt.
2014 kam sie als ehrenamtliche Helferin in der Flüchtlingshilfe ans Nationaltheater Mannheim und wirkte bei "Die Schutzflehenden" des Regisseurs Volker Lösch als Schauspielerin der Bürgerbühne mit. Zwei Jahre später, nachdem ihr das Pfalzbau-Theater einen Ehrenpreis als Kulturbotschafterin verlieh, fand sie den Weg zur Bürgerbühne des Pfalzbaus und stand bisher in 3 Produktionen des Intendanten Tilman Gersch auf der Bühne. Als Sprecherin hat sie im Pfalzbau-Theater in "Politeia" mitgewirkt. Ebenso hat sie bei der musikalischen Performance des Märchens "Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen" von und mit Monika-Margret Steger als Sprecherin des türkischen Texts mitgewirkt.
Natice Orhan-Daibel liest Annette Humpe
„Ich habe den Songtext „Du erinnerst mich an Liebe" von Annette Humpe ausgewählt, weil er uns allen sagt, dass Liebe das Wichtigste im Leben ist und weil er das Wahre (in) der Liebe zeigt. Dass Liebe und wirklich lieben heißt, sich dem Anderen zu offenbaren und wahr zu sein, manchmal auch, wenn man am Boden liegt... Nichts verstecken zu müssen und keinen Wettkampf zu leisten. Und dass echte Liebe keine Selbstverständlichkeit ist, dass man den Wert der Liebe schätzen muss, denn sie ist unbezahlbar. Wenn man sie erkannt hat.“
Die Komponistin, Sängerin und Produzentin Annette Humpe wurde 1950 in Hagen geboren. Mit ihren Bands Ideal und den Neonbabies, die sie zusammen mit ihrer Schwester Inga gründete, gehörte sie in den 1980er-Jahren zu den wichtigsten Vertretern der Neuen Deutschen Welle. Songs wie "Blaue Augen", "Berlin" oder "Irre" waren stilbildend und machten sie auch international bekannt. Humpe war Produzentin von Künstlern wie Rio Reiser, Udo Lindenberg, Die Prinzen, Nena oder Max Raabe. Als Komponistin wirkte sie nach langer Pause von 2004 bis 2010 gemeinsam mit Adel Tawil an der Formation Ich + Ich mit. Sie lebt in Berlin.

Monika-Margret Steger
kommt ursprünglich aus dem Bayrischen Wald und lebt seit dem letzten Jahrtausend in Mannheim.
1988: Studium der Germanistik, Philosophie, Völkerkunde in Marburg an der Lahn. Anschließend Schauspielausbildung am Mozarteum Salzburg. Seit 1995 unterschiedliche Eigenproduktionen bzw. Soloprogramme. 1996 bis 2000 Schauspielerin im Ensemble des Nationaltheaters Mannheim. Seit 2001 freischaffend unter anderem am Schauspielhaus Wien, Schauspiel Frankfurt, bei Circularte Basel, Schnawwl Mannheim, Staatstheater Karlsruhe, Stadttheater Heidelberg. Im Rahmen von Kultur - Rhein - Neckar e. V. bei Kulturprogrammen in der Region engagiert und seit 25 Jahren beim deutsch-russischen Austauschprogramm QUATTROLOGE. Unterrichtet seit 2005 an Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen als Theaterworkshopleiterin. Seit 2007 Mitglied der freien Theaterformation Neues EnsemblE (NEE). Ab 2012 Theaterproduktionen mit dem COMMUNITYArtCENTERMannheim. Mitorganisatorin bei BUNTE VIELFALT GEGEN VÖLKISCHE EINFALT. Inszeniert und spielt unter anderem am Zimmertheater Speyer. Macht seit 2017 Musik mit den MONIMATES.
Monika-Margret Steger liest Meret Oppenheim - Meret Oppenheims Gedichte begleiten mich nun schon über ein Vierteljahrhundert. Sogar meine Magisterarbeit habe ich über sie geschrieben. Mich rührt die sehnsuchtsvolle Sprache, die Traurigkeit, die Skurrilität, Oppenheims unbändige Lust am „Wortquatsch“, der Jonglage mit Grammatik und einzelnen Begriffen … und immer steckt noch etwas zwischen Zwischenzeilen … Sie ist die Schöpferin der Felltasse. Jenes Kunstwerk, das im Museum of Modern Art als das prototypische surrealistische Kunstwerk ausgestellt wurde. Dabei war sie sich zeitlebens nie ganz sicher, ob sie sich dem Kreis der Surrealisten wirklich zugehörig fühlen sollte. Sie zweifelte an ihrer Kunst, kämpfte mit Depressionen und schrieb neben der sonstigen künstlerischen Tätigkeit und mitunter Untätigkeit Gedichte. Surrealistische? Dadaistische? Absurde? Vor allem wunderschöne - fast musikalische Gedichte.
Maonika-Margret Steger liest aus: Meret Oppenheim Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich. Herausgegeben von Christiane Meyer-Toss, edition suhrkamp

Bettina Franke, geboren in Bremen, Schauspielstudium in Hamburg (Hochschule für Musik und darstellende Kunst), feste Engagements an den Städtischen Bühnen Frankfurt, Staatstheater Darmstadt, Nationaltheater Mannheim, Staatstheater Stuttgart, Staatstheater Karlsruhe.
Seit vielen Jahren als freie Schauspielerin tätig, Gastengagements an verschiedenen deutschen Theatern, eigene Literaturprojekte, oft in Zusammenarbeit mit MusikerInnen aus der Region.
Bettina Franke liest Rosa Luxemburg
Rosa Luxemburg ist eine Frau, die mich schon lange begeistert. Sie ist Zeit ihres Lebens für Menschenrechte eingetreten, hat für die ausgebeutete Arbeiterklasse gekämpft und sich gegen Krieg, Imperialismus und Kolonialismus engagiert. Sie wurde dafür Jahre in Gefängnissen inhaftiert und schließlich wegen ihres Kampfes ermordet. Rosa Luxemburgs Geburtstag jährt sich am 5. März 2020 zum hundertfünfzigsten mal, ein Grund sie mit einer kleinen Hommage zu ehren. Ihr Werk umfasst unendlich viele Schriften. Artikel, Aufsätze, politische Reden und tausende von Briefen, ein großer Teil davon aus dem Gefängnis.
Diese Briefe sind in einer wunderbaren Sprache verfasst, die Rosa Luxemburg für mein Empfinden als begabte Schriftstellerin erkennen lässt. Es gibt sehr poetische Passagen, die trotzdem nicht vergessen lassen, dass sie unter entwürdigenden Umständen geschrieben wurden. Ich werde einen Ausschnitt aus einem Brief von 1917 an Sonia Liebknecht, geschrieben im Strafgefängis Breslau, vorlesen, der mich wegen seiner unbedingten Lebensfreude sehr berührt.

Geboren am 5. März 1871 in Zamość in damals zum Zarenreich gehörenden Teil Polens, stammte sie aus einem mäßig wohlhabenden Elternhaus und wuchs als polnisch-jüdische Bildungsbürgerin auf. Schon mit 16 Jahren wurde sie Sozialistin und musste bald darauf als politisch Verfolgte flüchten; in Zürich fand sie eine neue Heimat. Schon in dieser Zeit gehörte sie stets zu den Radikalen der Arbeiterbewegung.
1898 zog sie nach Deutschland um und ging dafür eine Scheinehe ein. In Berlin trat sie in die SPD ein und wurde bald zu der Wortführerin ihres linken Flügels. Intellektuell und rhetorisch war sie den meisten Zeitgenossen weit überlegen. Dabei blieb sie jedoch stets eine Anhängerin des revolutionären Marxismus; den auf Reformen und Demokratisierung ausgerichteten Teil der SPD verachtete Luxemburg.
Ende September 1913 rief sie ihre Zuhörer in Frankfurt zu Kriegsdienst- und Befehlsverweigerung auf – das war damals eine Straftat, für die sie 14 Monate Haft erhielt; Haftantritt war jedoch erst im Februar 1915. Nach einem Jahr vorzeitig entlassen, folgte bald die nächste Festnahme, diesmal auf Grundlage des Kriegsrechts.In der Nacht zum 9. November 1918 kam die wortgewaltige Luxemburg frei und reiste umgehend in die Reichshauptstadt. Hier verschärfte sie zusammen mit Karl Liebknecht die Polemik in der SPD und sorgte Mitte Dezember mit einem Manifest für die Spaltung der Arbeiterbewegung. In „Was will der Spartakusbund?“ forderte sie eine „Diktatur des Proletariats“, auch wenn dieser Kurs zum Bürgerkrieg führen müsse.
Nach dem Scheitern des Aufstandes, zu dem sie mit ihrem am 5. Januar 1919 verfassten Leitartikel mit aufgerufen hatte, wurde Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919 von rechtsextremen Milizen ermordet.

Eva Martin-Schneider, lebt und arbeitet seit 38 Jahren im professionellen Theater- und Kulturbereich. Inzwischen selbst bearbeitende Autorin von vorwiegend dokumentarischen und literarischen Stoffen, initiiert sie Projekte und setzt neue Impulse vorwiegend für ein anderes kulturelles Miteinander und ein Leben in Vielfalt im ländlichen Bereich. Sie ist Förderpreisträgerin von „miteinanderreden“ des bpb.
Eva Martin-Schneider liest Mascha Kaléko – und warum?
Mascha Kaléko ist die wilde Variante ihrer männlichen Kollegen Tucholsky, Kästner, Ringelnatz und co. „Wild“ meint hier im ursprünglichen Sinne: unangepasst, spontan, kreativ phantastisch und durchaus auch gefährlich - zumindest in dem damals sich entwickelnden Faschismus! Kennengelernt habe ich ihr Werk über ihre Tiergedichte, im Exil geschrieben für ihren Sohn Steven und „verspielte Kinder sämtlicher Jahrgänge!“ Ihre Lyrik voller Spott und Ironie ist genau die richtige Medizin für den „coronalen Alltag“!
Nach ihren frühen Erfolgen mit Gedichten in der Tradition Heines und Tucholskys wurde Mascha Kaléko von den Nazis zur Aufgabe ihrer Heimat und ihrer Karriere gezwungen. Das Gefühl, Außenseiterin zu sein, kannte sie seit ihrer Kindheit, seit ihre Familie aus dem armen Galizien nach Deutschland gekommen war. Aber sie passte sich schnell an, beherrschte den Berliner Dialekt bald perfekt - wie ihre ersten Gedichte zeigen.

Mascha Kaléko (Geburtsname: Golda Malka Aufen) wurde 1907 in Chrzanów (Schidlow), Galizien, Polen geboren und starb 1975, in Zürich, Schweiz. Nach der Schulzeit arbeitete sie ab dem 16. Lebensjahr als Sekretärin und verarbeitete ihre Erlebnisse in ihren reizvollen und originellen frühen Gedichten, die erst in Zeitungen erschienen und dann bei Rowohlt unter den Titeln Das lyrische Stenogrammheft (1933) und Das kleine Lesebuch für Große (1935). Kalékos Songs waren so erfolgreich wegen ihrer ungewohnten Verbindung von Berliner Schnoddrigkeit und der Wärme und Melancholie des Ostjudentums; sie wurden von ihr selbst und Chansonsängerinnen wie Claire Waldoff und Rosa Valetti im Radio und in Cabarets vorgetragen. Nach ihrem Verbot durch die Nazis wurden die Songs abgeschrieben und heimlich verbreitet.
Kaléko 2007 – Verse für Zeitgenossen1928 heiratete Mascha Saul Kaléko, einen Philologen, von dem sie sich nach zehn Jahren scheiden ließ, um den Musikwissenschaftler und Dirigenten Chemjo Vinaver zu heiraten, Vater ihres Sohnes Evjatar und Spezialist für chassidische Chormusik. 1938 emigrierte die Familie nach New York; es bereitete Mascha zwar große Freude, ihren Sohn heranwachsen zu sehen, aber sie kam nicht zum Schreiben, und Chemjo schaffte es nicht, in der Musikwelt Fuß zu fassen. Mascha verdiente Geld mit Werbetexten und machte die Öffentlichkeitsarbeit für den Chor ihres Mannes. In Verse für Zeitgenossen verarbeitet Kaléko ihre Exilerfahrungen in eindringlichen satirischen Gedichten. Ihr Comeback hatte 1956 mit dem Wiederabdruck des Lyrischen Stenogrammhefts eingesetzt; nach zwei Wochen stand es auf der Bestsellerliste, und Kaléko machte erfolgreiche Lesereisen durch Europa.
1960 zog Kaléko wegen der Arbeit ihres Mannes mit nach Jerusalem, aber sie wurde dort nie richtig heimisch. Obwohl sie in den 1960er und frühen 1970er Jahren weiter veröffentlichte, war das Comeback doch nur kurz gewesen; wieder geriet sie in Vergessenheit. Mascha und Chemjo waren beide nicht sehr gesund, und 1968 starb plötzlich ihr Sohn, der in den USA ein erfolgreicher Dramatiker und Regisseur geworden war. Nach Chemjos Tod 1973 verstärkte sich Maschas Isolation immer mehr. Sie starb an Magenkrebs während einer Reise durch Europa.