Zafer Senocak im Bistro Allegro

Sonntag, 8. Dezember 2002 – 17 Uhr

Bistro Allegro, Blücherstr. 4, Ludwigshafen

Moderation: Hans-Uwe Daumann

>> In Deutschland sind wichtig: der Stammbaum, der Stamm und der Baum und der Stammtisch, der Stamm und der Tisch.

So kam es, daß ich mich in meinen eigenen Stamm vertiefte, ohne darin auf einen Baum oder gar auf einen Tisch zu stoßen. Es fanden sich darin lediglich lose Blätter, die keinem Baum mehr eindeutig zuzuordnen waren, Kreuzungen, die der Wind entworfen hatte, mit eigenwilligen Schnittmustern, manchmal unidentifizierbar.

Und ein Tisch? Wo hat man bei uns im Stamm gegessen, wo geschrieben, wo die Welt verändert? Nach langen Nachforschungen stieß ich auf eine erstaunlich einfache Lösung dieser komplizierten Frage: Auf dem Boden. Wo sonst?

Unser Stamm aß vom Boden die Blätter auf, kreuzte sie mit den Blättern anderer Stämme, die der Wind je nach Windrichtung, mal vom Norden, mal vom Süden, mal vom Osten, mal vom Westen zu uns getragen hatte und verpaßte so die Entwicklung des Tisches, den man hätte inmitten von allem aufstellen müssen, um endgültig seßhaft zu werden, um wirklich von dem Boden abzustammen, auf dem man aß. Ich habe bei meinen Recherchen auch die Neigung bei meinem Stamm verspürt, das Wesentlichste, nämlich den Boden zu verlieren, und sich stattdessen auf den Weg zu machen, zu anderen Stämmen, die alle im Besitz ihrer ausgewachsenen Stammbäume waren und sich lediglich ein paar frische Blätter wünschten, wofür sie einige Formulare druckten. <<

Zafer Senocak wurde in Ankara geboren. Er wuchs in Istanbul und München auf, seit 1990 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Er publizierte sieben Gedichtbände (u. a. „Fernwehanstalten“ 1994) und war 1988 bis 1999 Mitherausgeber der mehrsprachigen Literaturzeitschrift „Sirene“. Mit den Essaybänden „Atlas des tropischen Deutschland“ und „War Hitler Araber?“ prägte er den deusch-türkischen Minderheitendiskurs entscheidend mit; zu seinen bekanntesten Prosawerken zählt die Berliner Tetralogie (zuletzt 1999 „Der Erottomane“). S,enocak war mehrfach „writer in residence“ an amerikanischen Universitäten (u. a. am MIT in Cambridge/Mass.) und schreibt regelmäßig Essaybeiträge für die taz, den Tagesspiegel und die Welt sowie für das Politische Feuilleton im Deutschlandradio.