Yoko Tawada im Bistro Allegro

Sonntag, 9. Februar 2003 – 17 Uhr

Bistro Allegro, Blücherstr. 4, Ludwigshafen

Moderation: Dr. Sabine Fischer

>> Whitney erzählte, sie habe gerade ein Email von Aki bekommen. Es sei aber leider unlesbar, man könne nur die ersten zwei Wörter "Liebe Whitney" lesen. "Soll ich ihr ein Email schicken und fragen, was sie dir geschrieben hat?" fragte ich sie. Es gibt ein japanisches Kinderlied, das etwa so geht: Eine schwarze Ziege bekommt einen Brief von einer weißen Ziege und frißt ihn ungelesen auf. Dann bereut sie es aber und schreibt der weißen Ziege einen Brief und fragt, was in dem ersten Brief stand. Die weiße Ziege frißt diesen Brief ungelesen auf. Auch sie bereut es später und schreibt zurück, um zu erfahren, was in dem Brief stand, und so geht es immer weiter.

Kann eine Sprache einen Ozean überfliegen? Ich bekam manchmal Emails mit Leerstellen. Eine Freundin aus Hamburg schrieb mir, daß die deutschen Umlaute auf dem Weg nach Amerika oft in den Atlantik fallen und darin verschwinden. Japanische Schriftzeichen hingegen fallen in den Pazifik und kommen auch nicht an. Die Ozeane sind wahrscheinlich schon mit Umlauten und Ideogrammen überfüllt. Was wohl die 'ocean engineers' von MIT mit den ganzen Buchstaben machen würden? Ob Walfische Umlaute fressen? <<

Yoko Tawada wurde 1960 in Tokyo geboren und lebt seit 1982 in Hamburg. Sie studierte in Tokyo und Hamburg Literaturwissenschaft. Erste literarische Veröffentlichungen wurden 1986 im "Japan-Lesebuch" publiziert, zahlreiche Buchveröffentlichungen folgten in Deutschland ab 1987, in Japan ab 1992. 1998 und 2000 hielt sie im Rahmen der Tübinger Poetik-Dozentur Vorlesungen. Sie schreibt in deutscher und japanischer Sprache. Yoko Tawada wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Lessingförderpreis der Stadt Hamburg, dem Chamsisso-Preis und "Akutagawa-Sho", dem angesehensten japanischen Literaturpreis.