Tauwetter nach der Eiszeit?

„Scheiße!“, „Arschlöcher!“, „Schund!“ - Die Ambivalenzen der Chruščev-Ära (1953-64

Sonntag, 18.Oktober 2020, 16 Uhr
Franz & Lissy, Lisztstr. 176, 67061 Ludwigshafen

Der Vortrag beleuchtet die widersprüchlichen Entwicklungen und Reformen in Gesellschaft und Kultur nach Stalins Tod 1953. Die Entstalinisierung wird häufig mit der Metapher des „Tauwetters“ belegt, die den gesellschaftlichen Aufbruch und die politische Liberalisierung bezeichnete. Außenpolitisch rief Chruščev den friedlichen Wettbewerb mit dem kapitalistischen Westen aus. Innenpolitisch versprach er den Menschen damit nicht nur Frieden, sondern auch mehr Konsum, einen höheren Lebensstandard und durch den Wohnungsbau ein freieres Privatleben. Es entstand eine neue Jugendkultur, der Kulturbetrieb blühte – von stalinistischen Zwängen befreit – auf, erlebte aber auch neue Restriktionen. Dennoch konnten nun Autoren wie Aleksandr Solženicyn vom Leid des GULags berichten oder Evgenij Evtušenko Antisemitismus kritisieren. In Literatur, Theater, Film und Fernsehen wurden die Werte und Normen der sowjetischen Gesellschaft neu verhandelt.

Priv.-Doz. Dr. Kirsten Bönker arbeitet aktuell als Forschungsstipendiatin der Gerda Henkel Stiftung an der Universität Bielefeld zu einem Projekt über westliche Moskau-Korrespondenten im Kalten Krieg. Sie hat Professuren in Bielefeld, Oldenburg und Göttingen vertreten. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf der Geschichte des Zarenreiches und der Sowjetunion.